Der olympische Gedanke bringt Sportler aus aller Welt zusammen, um im fairen Wettbewerb ihre Kräfte zu messen. Heute müssen sich fast alle Unternehmen dem globalen Wettbewerb stellen. Zieht man die Parallele zum Leistungssport heran, sind drei Faktoren ausschlaggebend, um Wettkämpfe zu gewinnen: Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer.
Im Sport wählt man je nach Wettkampfart, in welcher man erfolgreich sein möchte, die entsprechende Technik. Aus der richtigen Abstimmung mit den Erfolgsfaktoren Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer entwickelt sich die Schnelligkeit. Gepaart mit einem klugen Kopf, welcher situativ optimal auf seine Gegner reagieren kann, wird das Element der Flexibilität mit eingebracht. Adaptiert auf ein Unternehmen bedeutet das folgendes:
Beweglichkeit: Das Unternehmen muss beweglich im Sinne der Veränderung sein. Stetige Veränderungen vom Guten zum Besseren (KAIZEN) ist eine der Voraussetzungen dafür. Fortgeschrittene Unternehmen erkennen, wann und wie sie ihre Standards anpassen müssen. Sie haben modulare, erweiterbare Systeme an denen sie stetig vernünftig zweifeln.
Gerne wird für dieses Attribut die Bezeichnung Flexibilität verwendet, was natürlich erst die Symbiose aus allen Elementen darstellt.
Kraft wird durch die Muskeln erzeugt. Im Unternehmen stehen die Muskeln für die personellen Ressourcen. Sie müssen einem regelmässigen Training unterzogen werden und sie brauchen die richtige Ernährung. Für das Unternehmen heisst das entsprechend der KAIZEN-Philosophie: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Die Mitarbeiter sind das schwächste Glied in einem hochautomatisierten Prozess. Doch nur sie können Prozesse zum Laufen bringen und am Leben erhalten. Oft wird die wichtigste Ressource Mitarbeiter schlecht behandelt. Ist dies der Fall, dann kann das betroffene Unternehmen niemals lean werden. Würden Sie ihren Muskeln immer nur Fett als Nahrung geben, könnten sie dann noch eine Leistung von ihnen erwarten? Wenn Sportler ihre Muskeln verletzen, schauen sie sich genau die Ursache der Verletzung an und versuchen, diese zukünftig zu vermeiden.
Ausdauer: Der Wettkampf selber dauert oft nur ein paar Runden à 2 oder 3 Minuten. Dem großen Moment vorausgegangen ist meistens eine Vorbereitung über Jahre hinweg. Es zählt nicht nur die momentane physische Ausdauer, um im eigentlichen Wettkampf genug Atem zu haben. Es ist auch die mentale Ausdauer, über all die Jahre hinweg sich stetig von neuen anzutreiben, um in den wichtigen Momenten fit zu sein. Die Vision, also das Ziel muss realistisch und somit erreichbar sein. Erfolge während der langen Trainingszeit müssen zelebriert werden, um immer wieder neuen Anschub zu bekommen. Nur wer ausdauernd ist wird auch langfristig seine Erfolge feiern können.
Wenn ein Unternehmen erfolgreich sein will, muss es an allen Hebeln drehen. Ein Sportler muss mental und körperlich fit sein; ein Unternehmen benötigt gute Prozesse, qualifizierte Mitarbeiter und eine entsprechende Unternehmenskultur. Beim Gespräch mit den Mitarbeitern wird man erkennen, ob es lean bzw. fit ist oder nicht. Die Vernachlässigung einer Ressource, z.B. die der Mitarbeiter, wird früher oder später seinen Tribut abverlangen und dem Kämpfer (Unternehmen) den Erfolg verweigern.
Wollen wir lean werden weil es schön ist, oder weil wir uns dann besser fühlen oder weil es Spass macht? Nein sicher nicht, wir wollen lean sein, weil wir gewinnen wollen!
Ein Unternehmen ist als Mannschaft zu betrachten, das heißt alle müssen gewinnen wollen und an den Sieg glauben. Wichtig ist die Anerkennung der Leistung jedes Einzelnen. Es reicht nicht, wenn der Boss die Medaille einstreicht. Und bedenken Sie, auch wenn der Kämpfer im Boxring das schönere und teurere Outfit trägt wird er damit weder die Kampfrichter noch das Publikum beindrucken können und den Gegner schon gar nicht. Der Wettkampf ist knallhart und Verletzungen sowie Trainingsausfälle gehören nun mal dazu.
Im Gegensatz zum Einzelsportler müssen wir im Unternehmen im kollektiv denken und handeln. Nicht jeder Muskel (Mitarbeiter) verträgt gleich viel Spannung und nicht jeder Bewegungsablauf (Situation) lässt sich trainieren. Eine möglichst heterogene Teambildung kann hier Abhilfe schaffen.
In einem kürzlich durchgeführten Workshop zur Wertstromanalyse (Value Stream Mapping) mussten wir erkennen, dass der ‚curent value stream’ (Ist- Situation) noch so viele Defizite aufzeigte, dass wir zum Schluss kamen, das Unternehmen hat die Basis-Trainingseinheiten weggelassen und versucht, gleich in der ‚Königsdisziplin’ (Total Flow Management) am Wettkampf teilzunehmen. Hätte das Unternehmen (der Sportler) sein Standard-Trainingsprogramm über all die Jahre absolviert, wären mindestens 60% der am Workshop erfassten‚ KAIZEN Blitze’ (Verbesserungspotenziale bzw. Mängel) gar nicht vorhanden gewesen. So mussten wir realisieren, dass der Fitnesszustand des Unternehmens komplett falsch eingeschätzt wurde. Entsprechend gross war dann die Verwunderung über das aktuelle Abschneiden bei der Bewertung. Wenn man all die Jahre nur für sich trainiert und nie an einem Vergleichswettkampf (Benchmark) teilnimmt, wird man auch nie wissen, wo man steht.
Wer Lean Production bzw. Lean Management in seinem Unternehmen einführen möchte, muss sich über folgendes klar sein: Es führt kein Weg am Basistraining vorbei. Nur wer regelmässig ein sauberes Grundlagentraining absolviert, wird später den Freiraum haben, sich um die Details zu kümmern, um an der Spitze vorne mitspielen zu können.
Betrachtet man die tatsächliche Praxis, so muss man sich fragen: Wieso verstehen die Verantwortlichen in den Unternehmen nicht, dass sie immer wieder dieselben Fehler machen? Vielleicht weil sie selber keinen Sport betreiben bzw. auch dort ziemlich erfolglos wären.
Schon seit Beginn der industriellen Fertigung wird versucht, Unternehmen oder das Management lean zu machen. Deshalb hat man beispielsweise das Fliessband eingeführt oder die Organisations- Lehre entwickelt und vieles mehr. Dass es jetzt lean heisst, sollte uns nicht weiter beeindrucken, da vermutlich in ein paar Jahren eine neue Bezeichnung für ein alte Eigenschaft Einzug halten wird. Das Ziel bleibt immer dasselbe, die Mittel und Methoden können übernommen werden, nur das Umfeld die Rahmenbedingungen verändern sich ständig. Als komplett neuer Faktor ist in jüngster Zeit die Komplexität dazu gekommen.
Sich über dieses Thema zu äussern würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Deshalb möchte ich dazu nur folgende Kernaussagen erwähnen:
Die Unternehmen sind Selbstverursacher ihrer Komplexität. Es gilt festzuhalten, dass komplexe Systeme immer gewachsene Systeme sind, welche eine Geschichte haben. Meiner Ansicht nach hat unsere Geschäftswelt das Zeitalter der Komplexität erreicht. Die Ursache liegt darin, dass moderne Managementlehren und sonstige Weisheiten immer wieder darauf abzielen, nach vorne zu schauen und sich nicht mit dem auseinander zu setzen, was geschehen ist. Der wirklichen Ursache von Fehlern wird oft nicht auf den Grund gegangen - so werden wir auch nie unsere Komplexität aufschlüsseln können. Sie müssen Wissen woher Sie kommen, wenn sie gefragt werden, wohin Sie wollen. Es lohnt sich immer zu schauen, wo und warum etwas falsch gelaufen ist.
von Xaver Baiges





